Forschendes Lernen an der RUB

Wodurch sind die Entwicklung und die Programmatik von Forschendem Lernen gekennzeichnet? Wie lässt sich Forschendes Lernen institutionell verankern? Welche Tipps zur Gestaltung von Lehre im Format des Forschenden Lernens haben Lehrende und Studierende?
Auf diese Fragen gaben während einer Podiumsdiskussion online im Februar 2021 Expert:innen der RUB und aus anderen Hochschulen Antworten. An der Diskussion nahmen teil (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Prof. Dr. Kornelia Freitag, Prorektorin für Lehre & Internationales der RUB und Lehrstuhlinhaberin für American Studies an der Fakultät für Philologie
  • Prof. Dr. Jürgen Straub, Lehrstuhlinhaber für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Fakultät für Sozialwissenschaft und Maßnahmenfeldleiter im QPL-Projekt inSTUDIESplus
  • Prof. em. Dr. Dr. h. c. Johannes Wildt, ehemals Professor für Hochschuldidaktik an der TU Dortmund und langjähriger Leiter des dortigen Zentrums für Hochschuldidaktik
  • Prof. Dr. Joachim Wirth, Lehrstuhlinhaber für Lehr-Lernforschung am Institut für Erziehungswissenschaften und wissenschaftlicher Leiter des QPL-Projekts inSTUDIESplus

Moderiert wurde das Gespräch von Sandra Plontke vom Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie, Koordinatorin der Projektlinie Forschendes Lernen im QPL-Projekt inSTUDIESplus, und Ines Gottschalk, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie und bei inSTUDIESplus im Maßnahmenfeld zu Forschendem Lernen. Die Zuhörer:innen der Online-Podiumsdiskussion konnten sich ebenfalls mit Redebeiträgen beteiligen.

Geschichte und Entwicklung

Herr Wildt berichtet zu Beginn der Podiumsdiskussion über die (politischen und geschichtlichen) Hintergründe und den Zusammenhang mit dem Projektstudium der 70er Jahre, und setzt das Forschende Lernen in den Kontext des shifts from teaching to learning.

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Prof. em. Dr. Dr. h.c. Johannes Wildt: Ich habe mich sehr intensiv mit den Texten zur Studienreform und Hochschuldidaktik der 50er und 60ger Jahre beschäftigt und die Hochschule geriet ja in den 50er Jahren in einen Reformstau und einen Reformdruck, der sich aufbaute in verschiedenen Hinsichten. In den 60er Jahren war eine allgemeine Stimmung, die auch die Hochschullehrerschaft erfasste. Da gibt’s gute Dokumente, etwa dem Hochschulverband, die feststellten, dass sie mit der natürlich mit dem Wachstum der Studentenzahlen nicht mehr zurecht kamen. Und dass sie selbst, auch die Hochschullehrer, den Kontakt zu den Studierenden verloren. Das lässt sich auch in vielen Studien, die es damals gab, nachvollziehen. Und die Diskussion im Hochschulverband lief darauf hinaus, dass die Hochschullehrer der damaligen Zeit eine Verlebendigung der Lehre propagierten, also Wenke etwa, wunderbarer Text dazu. Allerdings haben die das als ihre Aufgabe als Hochschullehrer gesehen, die Lehre aus der Forschung heraus zu gestalten. Und sie kritisierten die Art und Weise, wie das Lehrbuch-Wissen kanonisch dargestellt wurde und sagten “Wir brauchen eigentlich eine lebendige Lehre und wir müssen als Hochschullehrer unseren Bezug zur Wissenschaft dadurch, dass wir die Forschung selber lebendig machen, darstellen.” Sie sahen es als ihr eigenes Privileg und ihr ausschließliches Rollenverständnis als Hochschullehrer. Und damals gab es eben eine in der Studentenbewegung. Sehr prominent ist das Gutachten zur Hochschule in der Demokratie. Da beanspruchten die Studierenden selbst in den Forschungsprozess als Akteure mitbeteiligt zu sein. Und auch die Bundesassistentenkonferenz, in der Ludwig Huber dann auf verschiedene Art zitiert worden ist, sehr maßgeblich beteiligt war, die propagierte auch die Partizipation aller Gruppen in der Hochschule an der Forschung. Das war der Punkt und die Auseinandersetzung zu Beginn der 70er Jahre. Die erstreckte sich darauf, dass dieses Erbe der Studierenden und des Mittelbaus eines partizipativen Anspruchs, an Forschung beteiligt zu werden, in die Hochschulen reingetragen worden sind und das – so ist jedenfalls meine Interpretation – stieß auf eine erheblichen Widerstand der Hochschullehrerschaft. Das ist eben auch eine Debatte. Also wenn man da auf den Humboldt zurückgreift, der Humboldt hat ja – da finde ich das Zitat, was Sie da auch in dem Buch haben, wirklich sehr signifikant – der hat ja alle Hochschulangehörigen als der Forschung zwar in verschiedenen Rollen, aber verpflichtet gesehen. Es ging aber eben in den frühen 70er Jahren um diese Partizipation. Und die Reaktion ist in der Entwicklung glaube ich nur zu verstehen, wenn man gleichzeitig die Modernisierungsbedarfe, die durch die staatliche Hochschulpolitik, Wissenschaftsrat und ähnliche Einrichtungen und den Hochschulrahmengesetzprozess sieht, der sowohl die Hochschullehrer wie aber natürlich auch die Studierenden und die – Patt-Situation – Ansprüche des Mittelbaus begrenzte und das ganze Geschehen der Studienreform von den Hochschulen weg in staatliche Regularien und Instrumentarien verlagerte. Ich habe meine Dissertation dazu geschrieben, über die Transformation des Projektstudiums unter den Bedingungen staatlicher Studienreform. Dadurch, durch diesen Typus von Studienreform hatten diese Initiativen nicht mehr ihren Ort. Das können Sie genau nachvollziehen. Das können wir auch nachvollziehen daran, weil damals die aktiven Hochschuldidaktiker aus den Hochschulen, aus der Hochschuldidaktik abgewandert sind, Zentren wurden geschlossen. Dieser Typ von sozusagen partizipativer Forschung war nicht gefragt und entstand erst mit den ganzen Reforminitiativen, die er dann als Außensteuerung kam. Mehr neoliberal in den 90er Jahren, da kam das wieder in Gang.

und

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Prof. em. Dr. Dr. h.c. Johannes Wildt: Das Forschende Lernen, das ist ein wesentlicher Ansatz, um in dem auf internationaler Ebene jedenfalls völlig unbestrittenen shift from teaching to learning weiterzukommen. Das ist eine Formel, die seinerzeit von Tuckert und Barr in der Krise der amerikanischen Colleges eingeführt worden ist, weil die als Hochschulplaner sagten: “Bei den wachsenden Studentenzahlen können wir überhaupt keine qualitative Lehre mehr machen, wenn die Studierenden nicht mehr Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen”. Also das ist nicht irgendwie einen Gutmenschen-Denken irgendwelcher Hochschuldidaktiker:innen, die sagen, man muss die Student:innen irgendwie stärker berücksichtigen, sondern eine Notwendigkeit, um das Lernen zu effektiveren. Das kann nur funktionieren, wenn die Lehre vom Lernen her gedacht wird und gestaltet wird. Das bedeutet dieser Lernerzentrierte Ansatz, dass das Lernen, was immer ein vollständig eigenständiger und selbstständiger Prozess ist, aktiviert wird durch die Lehrenden, und nicht etwa versucht wird, durch bürokratische Vorschriften zu regulieren. Das ist der Tod der Lernproduktivität.

Abgrenzung von Konzepten

Herr Straub, Frau Freitag und Herr Wirth erläutern in knapp zehn Minuten die Unterschiede zwischen unterschiedlichen didaktischen Konzepten, die zum Teil Ähnlichkeiten und Überschneidungen mit dem Forschenden Lernen aufweisen.

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Prof. Dr. Jürgen Straub: Ich versuche es kurz zu machen und das, was ich für einen wesentlichen Punkt halte, das bezieht sich auf das, was Herr Wildt gerade ausgeführt hat. Nochmal diese Gefahr. Ich habe es die „Gefahr der Verwässerung“ des Forschungsbegriffs und bestimmter Praktiken, die dann unter diesem Containerbegriff Forschendes Lernen subsumiert werden, genannt. Und ich gehöre zu den Leuten, die diese Gefahr ernst nehmen, bei aller Sympathie für das Forschende Lernen und bei einer eher gering ausgeprägten Furcht vor sogenannten Containerbegriffen. Das sind viele wissenschaftliche Begriffe – oder Bezeichnungen sind solche Begriffe. Das gilt auch für den Handlungsbegriff. Da kann man alles Mögliche darunter verstehen. Und wie bei anderen Begriffen kommt es beim Forschenden Lernen darauf an, unterschiedliche Formen oder Varianten begrifflich zu differenzieren. Ich bin da ganz auf der Seite von Herrn Huber und von Gabi Reinmann, mit der wir enger zusammengearbeitet haben, die auf solchen Differenzierungen beharren. Das finde ich extrem wichtig. Und dann gibt es Bezeichnungen wie Forschendes Lernen im engeren Sinne: Forschungsnahes Lernen, Forschungsbasiertes Lernen, Forschungsähnliches Lernen. Das heißt also, solche terminologischen Differenzierungen sind unverzichtbar meines Erachtens. Das heißt, dann müssen wir über alle diese Varianten sprechen und definitorische Merkmale im Hinblick auf diesen Variantenreichtum bemühen. Anders geht es meines Erachtens nicht. Sonst subsumieren wir in der Tat zu viele heterogene Konzepte und Praktiken unter diesem Containerbegriff und laufen dann in die sozusagen immer aufgespannten Fallen. Also dann hat eben Jürgen Mittelstraß Recht, wenn er sagt, Tätigkeiten, die unter dem Begriff Forschendes Lernen laufen, führten zu einer Verwässerung und Aufweichung des Wissenschafts- und Forschungsbegriffs. Das heißt zu einer Niveau-Absenkung. Und da hat er schon recht. Ich würde sagen, und das ist eine der großen Herausforderungen, dass man einem anspruchsvollen, ambitionierten Konzept Forschendes Lernen festhält. Insbesondere wenn man damit tatsächlich diesen gesamten Zyklus des Forschungsprozesses adressiert, dann umso mehr an einen anspruchsvollen, mit wissenschaftlicher Forschung im engeren Sinne konkurrenzfähigen Konzeptes. Und da sollte man auch keine Angst haben, so etwas in Universitäten anzubieten (nicht in allen Hochschulen, aber in Universitäten), insbesondere solchen, die Ambitionen haben, zu den Exzellenzuniversitäten zu gehören, und entsprechenden Nachwuchs heranzubilden. Man sollte da meines Erachtens die Courage haben, ein etwas elitärer angestrichenes Konzept Forschendes Lernen abzugrenzen von anderen Varianten. Und das ist ebenso wichtig. Frau Freitag betont, dass es um Forschungsnahes Lernen für alle geht. All das sind meines Erachtens kein Widerspruch oder keine sich ausschließenden Prinzipien, sondern man muss das eine tun und darf das andere nicht lassen. Also Forschung mit Exzellenzanspruch und mit ambitioniertem Wissenschaftsanspruch in der Lehre verankern, wohlwissend, dass da nur einige mitkommen. Und dann ein Programm, ein Mitmach-Programm für alle, wo auf allen Qualifikationsstufen in den unterschiedlichen Studiengängen im Bachelor, im Master und auch im Hinblick auf die unterschiedlichen Qualifikationen und Qualitäten und Kompetenzen von Studierenden wirklich passgenaue Angebote gemacht werden. Aber nochmal zum Punkt der Differenzierung unterschiedlicher Varianten und Formate. Das ist extrem wichtig, und dann innerhalb dieser einzelnen Varianten versuchen zu sagen, was man unter dieser Bezeichnung versteht, welche Rolle die wissenschaftliche Kernkompetenz, nämlich Forschung, in dieser einzelnen Varianten in welcher Weise spielt.

Prof. Dr. Kornelia Freitag (Beginn 04:54 Minuten): Herr Straub hat genau da angesetzt, wo ich weitermachen wollte, nämlich, dass man sich der Tatsache bewusst sein muss, wie wichtig es ist, heute den Studierenden Forschung nahezubringen, in einer Zeit, in der es um alternative Fakten geht und der von Forschung erwartet wird, dass sie alles kann und alles heilt. Und dann wundert man sich, dass sie dynamisch ist, was ja ein Charakter von Forschung ist. Das ist wichtig, dass das allen klar wird. Genauso wie auch klar sein muss, dass es eben diese unterschiedlichen Formen gibt. Und ich glaube, in diesem Slogan unserer Zukunftsvision “Forschung, erfahren, erlernen, leben” steckt drin, dass es eine gewisse Varianz gibt und dass nicht jeder zum Forscher, nicht jede zur Forscherin werden wird. Dass aber, wenn man an einer Universität ist, die Bekanntschaft mit Forschung macht und diese forschende Haltung, die ja nicht Forschung sofort ist, in dieser Haltung inne zu halten, sich zu fragen, sich auszutauschen und ein Problembewusstsein zu entwickeln. Das ist ganz, ganz wichtig. Und wenn man das entwickelt, stellt man immer wieder fest, dass plötzlich Studierende zu Forscherinnen und Forschern werden können, von denen man es erstmal nicht erwartet hat. Weil die deutsche Universität eine ist, die lange Zeit ein sehr geschlossenes System gewesen ist und in der man reproduziert hat, was erwartet wurde. Und insofern ist dieser Prozess, das Heranführen an die Forschung, der Forschungsorientierung, Forschungsbasis und so weiter ein ganz wichtiger, um die Potenziale zu heben bei Studierenden, von denen man das nicht sofort erwartet. Wir stellen immer wieder fest, dass das deutsche System leider weiter ein eher exklusives ist, obwohl wir ja jeden reinlassen. Aber es funktioniert nicht so. Und ich glaube auch in dieser Hinsicht muss man sehen, dass Forschendes Lernen sehr, sehr wichtig ist, genau in dieser Differenziertheit und Ausgewogenheit, wie Jürgen Straub das beschrieben hat.

Prof. Dr. Joachim Wirth (Beginn 07:34 Minuten): Ich wollte eine Sache aufgreifen, die Jürgen Straub vorhin gesagt hatte, dass beim Forschenden Lernen essentiell wäre, dass man den kompletten Forschungsprozess immer mit bedenkt. Ich würde das ein bisschen relativieren wollen. Natürlich muss man auf der einen Seite immer den kompletten Prozess im Auge haben, aber genau das ist unmöglich. Das, was Studierende lernen, wenn sie denn in den Lehrveranstaltungen zum Forschenden Lernen sind, kann sie zum Teil überlasten. Auch wenn ich mir die inSTUDIES-Projekte anschaue, da gibt es immer bestimmte Schwerpunkte auf einzelne Schritte des Forschungsprozesses. Also wenn ich mir das z.B. die studentischen Zeitschriften anschaue, dann ist das ganz am Ende des Forschungsprozesses, wo es ums Publizieren geht. Oder andere Forschungsprojekte wie das Unvergessenen-Projekt, wo ganz viel mit Datenerhebung und Interpretation gearbeitet wurde, wo darauf der Fokus lag. Also es gibt immer so Foki auf einzelne Schritte des Forschenden Lernens und das würde für mich trotzdem zum Forschenden Lernen dazugehören. Und da würde ich den Bogen zu Frau Freitag spannen, weil das dazu führt, dass die Studierenden verstehen, was ein forschender Ansatz ist, eine forschende Art und Weise zu denken, und damit eine wissenschaftliche Art und Weise zu denken ist. Und dass man über diese Art und Weise Probleme auch im Alltag löst. Ja, das ist der eine Punkt, der zweite Punkt ist: Ich würde gerne die Exklusivität des Forschenden Lernens für die Universitäten ein bisschen aufbrechen. Es gibt ganz, ganz viele Formate, die außerhalb von Universitäten laufen und die nicht nur an Studierende adressiert sind. Also wenn ich an den ganzen Bereich von Citizen Science beispielsweise denke, wo Bürgerinnen und Bürger sich an Forschung beteiligen und genauso Forschung lernen, wie es unsere Studierenden machen, in ihrer Freizeit, dann ist das aus meiner persönlichen Perspektive Forschendes Lernen. Aber halt mit einer ganz anderen Zielgruppe.

Institutionalisierung an der RUB

Die Diskutant:innen gehen in ca. 17 Minuten ausführlich darauf ein, wie die RUB versucht, Forschendes Lernen zu institutionalisieren und damit nachhaltig als Lehrkonzept in den Fakultäten und im fachübergreifenden Optionalbereich zu verankern. Als Beispiel für eine erfolgreiche Verstetigung führt Herr Straub von der Fakultät für Sozialwissenschaft das Methodenzentrum an. Zu Beginn äußert sich die Prorektorin Freitag zu der Frage, wie es nach dem Auslaufen des Qualitätspakt Lehre-Projekts inSTUDIESplus mit dem Forschenden Lernen an der RUB weitergeht. Während des Gesprächs ist Birgit Frey, die unter anderem die Summer Schools während beider inSTUDIES-Laufzeiten koordiniert hatte, zu hören.

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Prof. Dr. Kornelia Freitag: Also es geht weiter und es geht unter anderem eben deswegen weiter, weil wir es Curricula verankert haben und weil wir das Universitätsprogramm weiterführen, weil wir also weiter finanziell unterstützen, wenn Projekte, ganz unterschiedliche Projekte im Forschenden Lernen angefangen werden, immer mit dem Augenmerk auf Verstetigung. Und da wir schon zig Projekte gefördert haben, die auch verstetigt worden sind, kommen wir immer öfter auch in der Universitätskommission Lehre, in der das ausgewählt wird, in die Verlegenheit zu sagen “Moment, das hatten wir doch schon mal. Das braucht man jetzt vielleicht nicht neu entwickeln, aber wir können mal Leute in Austausch bringen”, und man muss wirklich sagen, dass dieses Konzept des Forschenden Lernens bzw. verschiedene Ansätze des Forschenden Lernens auch ganz gezielt auf Studienanfänger:innen, auf Fortgeschrittene, auf unterschiedliche Disziplinen (darüber haben wir gar nicht gesprochen). Im Grunde vertrete ich ja eine Disziplin, eine andere Disziplin als die anderen hier Versammelten. Ich bin weder Bildungswissenschaftlerin noch Sozialwissenschaftlerin. Ich beschäftige mich mit experimenteller Lyrik. Da ist es aber sehr schwer, Studierende im Bachelor daran zu führen. Das dauert eine Weile mit der Forschung. Und insofern ist der Einbezug der Studierenden, die verschiedene geisteswissenschaftliche Studiengänge belegen, ins Forschende Lernen, die überhaupt nur möglich, wenn man da auch etwas niedriger ansetzt und andere Zugänge schafft. Vielfalt spielt eine große Rolle und der Austausch ist ganz wichtig und der klappt gut. Sie haben den Lehrplan schon genannt. Das Zentrum für Wissenschaftsdidaktik ist eine wichtige Stelle für die Verstetigung. Also ich bin da ganz sicher, dass wir keine Angst um’s Forschende Lernen haben müssen.

Prof. Dr. Joachim Wirth (Beginn 02:00 Minuten): Ich möchte nochmal drauf hinweisen und unterstützen, was Frau Freitag gesagt hat. Ich mache mir keine Sorgen um das Forschende Lernen an der RUB. Um ehrlich zu sein, weil wir nicht nur Formate, die im Rahmen von inSTUDIESplus entwickelt worden sind, natürlich auch aus dem Universitätsprogramm, weil viele Formate da verstetigt und eben auch Curricula eingebunden worden sind. Und wenn ich an einen der größten Masterstudiengänge der RUB, nämlich den Master of Education denke, das sind sehr, sehr vielfältige Aspekte von Forschendem Lernen in die Lehramtsausbildung curricular eingebunden. Wenn man sich die Begleitung des Praxissemesters anschaut, wenn wir uns anschauen, dass jeder der Studierenden eigentlich einmal das Alfried-Krupp-Schüler-Labor von innen gesehen haben muss und dort auch forschungspraktische Erfahrungen gesammelt haben muss, dann sind das derzeit in der Tat keine klassischen Forschenden Lernen-Formate. Aber es ist ganz viel Forschungsaspekt in der Lehre, die wir da reinbringen. Insofern mache ich mir da gar keine großen Sorgen.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Hohannes Wildt (Beginn 03:00 Minuten): Ich war ziemlich beeindruckt von der ganzen institutionellen Strategie in Bochum, hier zu lesen in dem Buch, der letzten zehn Jahre, wie diese Implementationsstrategie des Forschenden Lernens da gelaufen ist, mit welchen Unterstützungen usw.. Also ich halte auch sehr viel davon, die Fragen curricular zu verankern. Es ist aber eben die Frage, wie sich die Fachkulturen entwickeln. Also Herr Wirth, was sie eben erzählt haben, das finde ich alles sehr plausibel. Es kann aber eben auch den Effekt haben, dass die innovativen Aspekte des Forschens Lernens wieder sozusagen rückwärts eingesammelt und absorbiert werden in die doch üblichen Fachroutinen. Und ein sehr belebendes Moment, sie haben das ja auch gesagt, ich halte das auch für sehr wichtig, wie etwa dieses Zentrum für Wissenschaftsdidaktik oder vergleichbare Einrichtungen haben sehr viele Hochschulen. Auch das Schreibzentrum und Beratungseinrichterungen und alles das, was auch bei Ihnen Herr Salden unter Third Space subsumiert. Das ist eine Kultur, ein Autor aus der HIS hat das mal benannt als zweiten Beruf der Lehre, der eine Funktion in der Entwicklung von Lehrqualität hat, die durch die Lehrenden alleine mit ihrer Hauptaufgabe der wissenschaftlichen Arbeit und der Strukturierung ihrer Lehre durch die Forschung, der Lehre aus der Forschung heraus, nicht leisten. Also dieses Geflecht von auch neuen Personalstrukturen. Da beobachte ich mit etwas zwiespältigen Gefühlen, wie in diesem Bereich die Verstetigung von Arbeitsmöglichkeiten in verschiedenen Hochschulen verläuft. Bei den Mitteln des Qualitätspaktes entbrennt natürlich die Frage “Welche Stellen werden jetzt kontinuierlich und welche nicht?” Und die ganze Third Sphere hat bisher darunter gelitten, dass hochgradig parzelliert Verträge geschlossen worden sind mit Kurzzeitformaten, schnellem Wechsel, die es sehr erschwerten, da eine Kompetenz aufzubauen. Schon im Management des Übergangs des Qualitätspaktes eins jetzt zu den neuen Fördermöglichkeiten gibt es schon viele Brüche an vielen Hochschulen und es werden gerade in diesem Bereich dieser Third Sphere erhebliche Zahlen an Kompetenzen sozusagen freigesetzt. Also ich kann das als Außenstehender nur sagen, weil ich diese Entwicklung schon auch als Leiter eines solchen Institutes über mehrere Jahrzehnte immer wieder erlebt habe. Und das finde ich einen Aspekt, der in die Politik in den Hochschulen gehört. Und es ist jetzt nicht damit getan, dass man jetzt sagt, die neue Innovationsagentur für die Lehre, die dabei der Töpfer-Stiftung angesiedelt ist, die springt jetzt in die Lücke rein und darüber läuft sozusagen das kurzzyklische Innovationsgetriebe. Das ist in den Hochschulen ja auch bekannt, auch in den Fächern, dass eine Projektuniversität (das hat der Lenzen mal gesagt) nicht unbedingt für eine kontinuierliche Wissenschaftsentwicklung zuträglich ist. Das betrifft auch diesen Bereich. Das kann man jetzt sehen und ich beobachte das jetzt mit Interesse, weil es auch unterschiedliche die Hochschulen sehr unterschiedlich machen, wie sie mit diesen neuen Möglichkeiten, die sich jetzt in den Zwanzigerjahren ergeben, umgehen. Ich kann das nicht beurteilen, wie sie das machen. Aber ich möchte das gerne als Monitoring an dieser Stelle einführen.

Prof. Dr. Kornelia Freitag (Beginn 06:57 Minuten): Ja, ich wollte dazu sagen, dass man das von zwei Seiten sehen kann und muss. Das eine ist, dass der gesamte Wissenschaftsbetrieb ja leider mit sehr viel befristeten Stellen lebt, ist ja nicht nur in dem Bereich, sondern auch in anderen. Und das ist nicht gut, weil da viele Talente ausgebeutet werden und dann ausscheiden und nicht mehr wissen wohin. Das ist aber hier an unserer Universität gerade im Bereich der Hochschuldidaktik schon seit Langem beobachtet worden und wir haben auch sehr stark aus dem QV-Mitteln versucht, die wissenschaftsdidaktischen Bereiche auszubauen. Mir wird immer gesagt, wir haben das größte Zentrum in Deutschland und wir haben sehr, sehr viele feste Stellen. Und wir haben gerade, glaube ich, in der zweiten Stufe des Qualitätspaktes darauf geachtet, uns zu überlegen, wie wir das machen, dass wir eben darauf achten, dass Kompetenzen aufgebaut werden, die weitergereicht werden können und dass man sich gut überlegt, wie man Projekte so führt, dass sie dann nachher nicht plötzlich abgebrochen werden, sondern integriert werden in das, was weiter getan wird. Prof. Dr. Jürgen Straub (Beginn 08:12 Minuten): Es geht ein bisschen vom Kernthema Forschendes Lernen weg, aber ich möchte eine andere Perspektive auf die Projektuniversität werfen, die Sie, Herr Wildt, hochgebracht werden. Wobei ich vorweg stellen möchte: Sicher, auch ich als Hochschullehrer würde mir wünschen, dass die Gelder einfach fließen und in großem Umfang durchgehend vorhanden sind und so weiter. Ich finde aber auch da hat Lehre womöglich ein bisschen auch von Forschung in Anführungszeichen gelernt, weil vor dem Qualitätspakt Lehrer oder vor der Qualitätsoffensive Lehrerbildung oder ähnlichem ist zumindest mir nicht bewusst geworden, dass Mechanismen, die wir aus der Forschungsförderung kennen, für die Förderung von Lehre eingesetzt worden sind. Und das haben wir jetzt auf einmal in der Entwicklung für Lehre. Ein Aspekt dabei ist auch, dass Lehre an Relevanz und Qualität von Lehre an Relevanz gewonnen hat. Über dieses System, was man auch alles schlecht finden kann, sollte man zumindest den Aspekt, glaube ich, nicht außen vor lassen oder übersehen.

Birgit Frey (Beginn 09:19 Minuten): Zu dem Aspekt der institutionellen Verankerung: Also was mir besonders wichtig ist, auch aus den Erfahrungen – ich bin ja so ein bisschen immer die Beauftragte fürs Interdisziplinäre gewesen, möchte das auch weiterhin sein. Und in den Sommerschule ist auch mit der Forschungs Orientierung und in vielen Forschungsprojekten haben wir eine interdisziplinäre Ansätze erprobt und zwar sehr erfolgreich, sodass die Studierenden aus unterschiedlichen Fächern auch bitte forschen, zusammen lernen und nicht immer nur in ihrem Fach lernen. Das ist vielleicht so ein bisschen noch ein Aspekt oder eine Perspektive, wo darauf achten müssen, wie wir das auch weiterhin institutionell verankern können. Also dass dieser über fachliche Austausch im forschenden Lernen auch weiterhin vielleicht auch mit einer Curricula. Ankommen passieren kann. Dass das nicht wegfällt. Weil sonst bleibt vieles dann einfach. Und der Austausch findet nicht mehr statt.

Prof. Dr. Jürgen Straub (Beginn 10:07 Minuten): Ja, es passt sehr gut dazu, zu diesem Thema der institutionellen Verankerung als auch zu dem, was Birgit Fre gerade gesagt hat. In diesem Programm Forschendes Lernen gab’s nicht nur Einzelprojekte, gab es nicht nur die Förderung von einzelnen Projekten, sondern es gab den Aufbau eines Methodenzentrums, was gelungen ist und was verstetigt ist. Mittlerweile, also mit Abschluss dieses BMBF-Projekts, ist ein für mehrere, eigentlich alle Fakultäten der Universität zuständiges Methodenzentrum gegründet worden mit einer festen W2-Professur für qualitative Methoden. Und eines der Hauptargumente [für die Professur] war das verstetigte Methodenzentrum, was aus dem BMBF-Projekt hervorgegangen ist. Dafür muss eine andere Professur geopfert werden, weil wir müssen eine Hülle abgeben, um diese Professur halten zu können. Das ist ein solches Ding. Das ist verstetigt. Es ist institutionalisiert und das ist ein Angebot für alle Fakultäten. Das heißt, genau dieser Austausch, also was du gerade gesagt hast, Birgit, dieser Austausch über unterschiedliche Qualifikationsstufen innerhalb einer Fakultät, also Bachelor, Master, Promotion, Habilitation, sogar, aber auch der Austausch über unterschiedliche Fakultäten hinweg läuft über das Methodenzentrum. Also das ist von der Struktur her alles perfekt verankert in der Ruhr-Universität. Aber es ist viel zu wenig bekannt beim Personal unserer Universität. Es gibt jetzt mittlerweile Beispiele und diese Beispiele sind zum Teil zufällig zustande gekommen. Rebecca Thrun macht ein Forschendes Lernen-Projekt. Gelebte Kritik, heißt es. Wir haben dann, nachdem dem das Rektorat diesen Antrag abgelehnt hatte, nach Kooperationspartnern in anderen Fakultäten gesucht. Das ist auch gelungen: aus der Theologie, also Institut für Religion und Gesellschaft, Isolde Karle. Die machen gelebte Kritik und die Rebecca Thrun hat also eine wissenschaftliche Mitarbeiterin gefunden. Die machen jetzt mit der Theologie zusammen ein Projekt, was im Bereich Forschenden Lernens angesiedelt ist, und nutzen da – also beide Fakultäten – die Angebote des Methodenzentrums. Jetzt sind die total begeistert und schicken die Theologie-Studierenden, die nämlich mit empirischen Forschungsmethoden der Sozialwissenschaften oder auch der Kulturwissenschaften arbeiten, in das Methodenzentrum. Das ist ein Beispiel, wo das mit Sicherheit irgendwie sehr gut funktionieren wird. Es ist genauso in in allen philologischen Disziplinen. Wenn irgendjemand in der Anglistik was über Gedächtnis, Kultur in Großbritannien oder so macht und da Leute befragt, dann sollen die ins Methodenzentrum kommen und sich sagen lassen, wie man solche Befragungen wissenschaftlichen Standards gemäß durchführt. Und da gibt’s bestimmt noch mehrere Möglichkeiten, das institutionell zu verankern, diese Fakultäsübergreifende und fachübergreifende Kommunikation im Hinblick auf unterschiedliche Elemente im Programm Forschendes Lernen.

Prof. Dr. Kornelia Freitag (Beginn 13:16 Minuten): Ja, also das passt ganz gut, weil ich auch nochmal darauf hinweisen wollte, dass eben die Frage der Verstetigung ja auch über Personen passiert und das eben dadurch, dass es jetzt doch einen gewissen Austausch gegeben hat, dass also sowohl Personen, die im Projekt gewesen sind, in Fakultäten gekommen sind oder in andere Einrichtungen. So gibt es natürlich auch eine Wissensverbreitung in andere Organisationsformen und das ist ja auch sehr wichtig. Was ich aber eigentlich ursprünglich sagen wollte, ist, dass das Methodenzentrum eben wirklich ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist, wie aus einem Projekt eine für viele, wenn nicht alle Bereiche der Universität, für alle Studierendne sehr, sehr nützliche Einrichtung werden kann. Denn es ist ja so, dass nicht nur die Fakultät von Herrn Straub sich entschlossen hat, das dadurch zu unterstützen, dass sogar eine Professur in diese Richtung geht, sondern dass auch Stellen sowohl vom Rektorat als auch von den Nutzern und Nutzerinnen sich beteiligen, um das weiterzuführen. Also da zeigt sich, dass durch ein Projekt – allerdings ein Projekt, das länger ging als zwei Jahre, Das muss man ganz, ganz klar sagen, das ist eben wichtig, diese drei, zwei, drei Jahre, das ist immer sehr, sehr kurz – aber dass da Dinge angestoßen worden sind, die weitergeführt wurden und die jetzt dazu führen, dass für die Lehre in allen Bereichen eine Bereicherung passiert. Und das waren ganz, ganz viele dran beteiligt.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Johannes Wildt (Beginn 14:56 Minuten): Ich fand auch dieses Methodenzentrum eine sehr originelle und wichtige, also überzeugende Einrichtung, wie überhaupt einzelne Einrichtungen, auch diese Sommerschule zum Beispiel, das sind ja bestimmte institutionelle Muster, die aus den einzelnen Fächern heraus nur schwer generiert werden können. Ich finde das natürlich klasse, wenn die Fakultäten da initiativ werden und sich zusammentun. Das zeigt ja auch, dass das übergreifende Strukturen sind, die doch sehr wichtig sind, um solche komplexen Konzepte wie Forschendes Lernen auch dauerhaft zu generieren. Deswegen meine ich, ich bin also immer dafür, dass im Bereich der Lehre auch eine Projektförderung stattfindet und die Problematik stellt sich bei der Innovation der Lehre und der Forschung aber nicht identisch. Also man müsste da, glaube ich, noch differenzieren. Ein holländischer Kollege hat das mal so auf den Begriff gebracht: Das es in der Forschung sozusagen um den Feinschliff von Diamanten geht, im Sinne einer Spitzenforschung, auf die man auch Projekte konzentriert, während die Lehre eine Funktion der Hochschule ist, die eher in die Breite geht. Also die Qualität der Hochschule in der Lehre erweist sich nicht durch einzelne Leuchttürme, sondern durch die Anhebung des durchschnittlichen Niveaus. Das erfordert etwas andere Innovationsprozesse und Strukturen zu finden, die eine qualitätsvolle Lehre immer wieder neu generieren, ohne dass die dem Originalitäts- und Konkurrenzdruck, unter den sonst wissenschaftliche Arbeit steht, ausgeliefert ist. Für die Lehre braucht man eine solche Kontinuität in der Generierung.

Studentische Partizipation im Forschenden Lernen

Andrea Koch-Thiele aus dem Projektmanagement von inSTUDIES und inSTUDIESplus berichtet über ihre Erfahrungen mit studentischen Initiativprojekten in der Lehre, die als Partizipationsmöglichkeit gefördert wurden.

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Andrea Koch-Tiele, Koordinatorin der studentischen Projekte in inSTUDIES(plus): Ich fand es total klasse, dass wir wirklich fast zehn Jahre Zeit hatten, um an Formaten und Entwicklung zu arbeiten. Und ich habe die meiste Zeit ja mit Studierenden gearbeitet und die Studierenden hatten dadurch, dass wir ein eigenes Programm hatten zur Partizipation von Studierenden oder für eigene studentische Projekte in Lehre und Forschung, die Möglichkeit, auch aktiv zu werden und aktiv in ihrem Fach, über die Fächer hinaus mit anderen zusammen und einiges auszuprobieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich da eine, sagen wir, sehr vertrauensvolle Kultur entwickelt hat, dass Lehrende mit Studierenden zusammen an Lehre und Forschung arbeiten und dass aus studentischen Projekten Projekte des Forschenden Lernens geworden sind. Und dass die Studierenden natürlich am Ende ihres Studiums vielleicht wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Methodenzentrum sind oder an anderen Stellen sitzen und aktiv werden oder promovieren mit ihren Fragestellungen. Und meine Erfahrung so im Unterschied zu anderen Hochschulen ist, dass es lange Zeit braucht, um Studierende wirklich zu beteiligen, dass sie ihre Mitsprache-Möglichkeiten nutzen, dass sie sich einbringen. Im letzten Jahr sah man spannende Sachen durch die Digitalisierung, wo ich dachte, jetzt sind die Studierenden ganz vorne und helfen den Lehrenden mit in neue Systeme. Und es ist einfach erfreulich zu sehen, dass das so ein bisschen ineinander wächst. Ob jetzt in der Wissenschaftsdidaktik, beim E-Learning oder in anderen Bereichen, das ist egal. Und es funktioniert, so glaub ich, in allen Fächern. Also wirklich Geisteswissenschaften, Gesellschaftswissenschaften, Naturwissenschaften. Ganz egal. Es funktioniert in allen Fächern. Und Studierende werden selbstbewusster und engagierter. Und da gibt es auch ganz spannende Projekte an anderen Universitäten. Und ich würde mich freuen, wenn sozusagen von dieser Partizipation der Studierenden auch in die neuen Förderprogramme da irgendetwas überführt werden kann. Ich sehe es heute leider noch nicht, aber ich weiß, daran muss man arbeiten, weil nur so gemeinsam, glaube ich, gibt’s Leben.

Beispiel aus studentischer Sicht

Die Studentin Rebekka Scheler äußert sich zu ihrer Sicht auf Lehre im Format des Forschenden Lernens an der RUB. Sie hatte ein studentisches Initiativprojekt als Lehrveranstaltung für jüngere Studierende angeboten.

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Rebekka Scheler, Studentin: Hallo, ich bin Rebekka Scheler, ich studiere evangelische Theologie. Ich habe vor Jahren mit Jan Gehm zusammen, der auch irgendwo hier eine kleine Kachel ist, angefangen in einem inSTUDIES-Projekt bei Andrea Koch-Tiele, wo wir eine Vorlesungsreihe gemacht haben und haben dann daraus immer wieder auch andere Sachen entwickelt. Wir haben noch eine Summer School gemacht. Wir haben Forschendes Lernen gemacht und haben viel uns mit dem Nahen Osten befasst, Interview-Techniken über’s Methodenzentrum mit den Studierenden gelernt, die dann in verschiedene anderssprachige Gemeinden geschickt, wo sie dann selber eben Dinge rausfinden konnten und hinterher das reflektiert haben, gemeinsam. Das war immer eine sehr spannende Arbeit. Es hat uns jedesmal wieder vor neue Fragen gestellt, sowohl seitens der Studierenden als auch von unserer Seite. Was brauchen die Studierenden? Was für Methoden? Was für Infos? Was für Theorien müssen wir ihnen an die Hand geben? Ich fand, wir wurden sehr gut unterstützt von den verschiedenen Einrichtungen, besonders von Andrea. Das war immer unsere Ansprechpartnerin für alle Fragen, für alles, was irgendwie war. An der Fakultät war das manchmal ein bisschen schwierig. Also am Anfang wurden wir so ein bisschen belächelt. Das war so jaja, macht ihr da mal. Wir hatten das Glück, dass wir von Anfang an eine Dozentin an unserer Seite hatten, die Claudia Rammelt aus dem Mittelbau. Die aber alle anderen waren da doch sehr skeptisch. Also wir sind auch viel diesem “Ja, ihr wollt uns ja an die Forschung dran” begegnet. Also entweder dieses Gefühl, man will den Professoren etwas wegnehmen oder eben “das hat nicht das Niveau, das wir unbedingt haben müssen”, ohne wahrzunehmen, was der Lerneffekt für Studierende dabei ist. Und was für uns dann schwierig war, war immer in so eine Richtung Verstetigung zu gehen. Also weil man eben auch gegen diese Widerstände ankämpfen musste und Gelder finden musste. Und auf der anderen Seite war es teilweise schwierig, bestimmte Vorgaben bei uns mit einzubauen, also z.B. beim Forschenden Lernen, wenn man denkt, das soll auf ein Jahr angelegt sein, dass in unseren Studiengängen funktioniert das nicht wahnsinnig gut. Also gerade für unsere Bachelor ist das ein Problem. Aber auch bei uns. Wir haben noch einen Magisterstudiengang für die Kirche, für die Fachausbildung. Auch da ist es ein bisschen problematisch und dann auch innerhalb der Fakultät, da sind dann immer wieder so kleinere Probleme oder größere Probleme, die einem da auf dem Weg begegnet.

Dr. Sandra Plontke, Moderatorin (Beginn 02:39 Minuten): Aber trotz all der Hindernisse und Herausforderungen, die Sie genannt haben, ein erfolgreiches Projekt, und das war ja viel interdisziplinär dann unter Einbezug des Methodenzentrums, aus studentischer Initiative heraus und dann mitten im Zeitmanagement, das einzuhalten ist, mit Verstetigungsabsichten, et cetera. Und dann noch dieser Druck, seriöse Forschung zu betreiben und so. Also das hört sich wirklich nach einem großen Umfang an, aber zeigt ganz deutlich die Facetten, also womit man da konfrontiert ist im Forschenden Lernen. JürgenStraub sagt das ja auch in seinem Aufsatz, ja in der Einleitung zum Forschenden Lernen: Es wird oft idealisiert und vielleicht dann auch ein bisschen einfacher dargestellt, als es dann tatsächlich ist.

Gestaltung der Lehre

Herr Straub geht in knapp fünf Minuten insbesondere auf die Gestaltung von Forschendem Lernen ein und führt Peer-to-Peer-Formate als eine Idee für die Lehre ein, die er in seinen Lehrveranstaltungen bereits nutzt.

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Prof. Dr. Jürgen Straub: Wir haben schon immer so öffentliche Veranstaltungen gemacht, aber wir müssen es einfach in die verschiedenen Fakultäten hinein noch viel mehr kommunizieren. Obwohl es in so gut wie allen Fakultäten solche Projekte gab, wir haben ja immer darauf geachtet – Frau Freitag und Herr Wirth und ich – dass alle was abkriegen und so, und dass du da nicht alles nur in die G-Reihe kommt oder sowas und da noch in zwei Fakultäten. Aber man müsste das trotzdem noch mehr machen, glaube ich, noch mehr bekannt machen. Und die, die in den einzelnen Fakultäten solche Projekte gemacht haben, die müssten das stärker vorstellen in ihren Fakultäten, dass das bekannt ist. Auch diese Probleme, z.B. die curriculare Einbindungbarkeit eines einjährigen Empirie- oder Forschungsprojekts im Master, solche Sachen muss man diskutieren. Da muss noch irgendwie Platz schaffen, da muss man möglicherweise andere Formate – haben wir ja jetzt auch schon gemacht, wie geht es in einem halben Jahr oder sowas weiter. Das sind total wichtige Sachen. Aber ich wollte was sagen, weil es um diese Gestaltung dieser Lehre, dieser Forschendes Lernen-Seminare geht, was für mich unglaublich wichtig geworden ist die letzten Jahre. Wir haben vorher gesprochen, dass kann eine Überforderung sein für alle Beteiligten, Herr Wirth hatte das, glaube ich, gesagt, auch für die Studierenden, aber auch für die Lehrenden. Also immer noch 15, 20 Leute oder manchmal haben wir das noch mit noch mehr gemacht, das ist schon verdammt anstrengend und zeitaufwändig. Das heißt zwei Dinge: Erstens glaube ich, dass diesen Projekten grundsätzlich immer irgendwie eine studentische Hilfskraft zur Seite gestellt werden muss, die bestimmte Sachen übrigens jede Fakultät hat. Die Dekanats sollten das entscheiden. Können wir Zukunftskonzepte oder was auch immer drüber schreiben und so. Aber das ist ein ganz einfaches Ding, aber sehr wichtig. Es gibt einen Topf für alle Projekte Forschendes Lernen, wenn man es macht. Ohne Unterstützung von Rektorat oder Studis und das machen wir ja, sind ja verstetigt. Die sagen, die sollen jetzt auch so laufen, dann müssen die Dekanat ein bisschen Hilfskraftmittel zur Verfügung stellen. Zweitens, was wir gemacht haben, Herr Wirth, Frau Freitag, wir haben dieses Peer-to-Peer-Learning kultiviert und das heißt, es ist das für mich jetzt Wichtige, nicht nur sowas, das ohnehin passiert, dass die Seminarteilnehmer und -teilnehmerinnen gemeinsam kooperativ forschend lernen, das heißt sich gegenseitig bereichern, sondern wir haben systematisch Prinzipien entwickelt über unterschiedliche Qualifikationsniveau. Ich habe über 20 Doktorand:innen. Warum sollen wir nicht ab und zu mal ein Seminar kommen und von dem, was ich ihnen manchmal gebe, etwas zurückgeben, indem sie sich in der Lehre so engagieren, dass sie für ihre eigenen Forschungsprojekte was davon haben. Aber auch die Seminarteilnehmer:innen, die von den Doktorand:innen was haben. Also das heißt, dies dann MaDok-Prinzip, also Austausch zwischen Promotionsebene und Master-Ebene. Und das gleiche machen wir seit einem, ein, zwei Jahren, ich weiß nicht genau, mit den Masterstudierenden im Austausch mit dem B.A.. Also wir holen systematisch Leute mit Masterabschluss-Projekten in die B.A. Empiriemodule und sagen, die können da mitarbeiten oder sie können sich von den beraten lassen. Die können da einen Seitenzweig aufmachen und so weiter und so fort. Dieses Prinzip, eine Qualifikationsstufen-übergreifenden Lehre haben wir. Und das ist sozusagen das. Sie haben völlig recht, auch da will ich gesagt haben, das ist etwas, was in die Breite geht, sozusagen über die gesamte Palette hinweg. Und die elitäre Variante dieses Prinzip, das sind unsere Masterklassen am Kulturwissenschaftlichen Institut, was auch ziemlich unbekannt ist, das gemeinsame Forschungsinstitut der Ruhr-Universitäten ist, viele wissen das gar nicht. Das heißt, wir haben das jedes Jahr gemacht über inSTUDIES mit Herrn Wirth immer zusammen, eine Meisterklasse, z.B. Pamphlets Schütze, jetzt ist die Aglaja Cyborczi, also renommierte Leute in der qualitativen Sozialforschung und Kulturanalyse, dabei, die zwei, drei Promotionsprojekte und zwei, drei Masterprojekte besprechen über zwei Tage hinweg. Das heißt, diese ganzen Forschendes Lernen-Veranstaltungen leben unglaublich stark von Kooperation im Lehrkörper. Ja und das Machen wir nicht alles alleine. Das überfordert, auch mich, also ich kann auch nicht alles alleine machen. Man bräuchte eigentlich Lehr-Teams für Projekte Forschenden Lernens, wo unterschiedliche Qualifikationsstufen versammelt sind und dann auch eine kommunikative Stärke entwickeln, die eine oder einer allein nie hinkriegt.

Umgang mit Unsicherheiten

Herr Wirth und Frau Freitag greifen abschließend den Aspekt der Unsicherheit als eine Herausforderung für Lehre im Format des Forschenden Lernens auf und erläutern, warum Ambiguitätstoleranz wichtig ist, und warum solche Lehrangebote nicht nur im Optional- oder Ergänzungsbereich angesiedelt sein sollten.

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Prof. Dr. Joachim Wirth: Aus meiner Perspektive ist eine der Herausforderungen, das hab ich auch in diesem Geleitwort zu dem Sammelband kurz angeführt, unter dem Stichwort Unsicherheit zu bringen. Und zwar Unsicherheit für alle Beteiligten. Für die Lehrenden und für die Lernenden. Nicht, dass eine herkömmliche Lehrveranstaltung von enormer Sicherheit geprägt wäre, also beispielsweise, dass der Lehrende oder die Dozentin sicher sein könnte, dass am Ende des Semesters die Studierenden wirklich all das gelernt haben und diese Kompetenzen usw. erworben haben, die man als Lehrziel vielleicht am Anfang des Semesters hatte, aber die Sicherheit ist trotzdem höher. Beim Forschenden Lernen muss ich als Dozent, als Dozentin ganz viel Verantwortung abgeben und den Studierenden überlassen. Und meine eigene Kontrolle muss ich sozusagen zurückschrauben. Ich habe deutlich weniger Planbarkeit. Ich muss deutlich flexibler und auf Augenhöhe darauf reagieren, was die Studierenden machen. Und auf Seiten der Studierenden ist es dasselbe. Auch sie können nicht so sicher sein, was am Ende rauskommt. Wie wenn man ihnen sagt “Hier aus dem Buch lernst du dieses von vorne bis hinten durch und du sollst das wissen, was da drin steht”, das ist planbar und da weiß ich sicher, was rauskommt. Aber das macht dann die andere Seite von Unsicherheit auch wieder aus: Es ist verdammt langweilig. Diese Sicherheit und diese Unsicherheit kann eben auch als Chance, nicht nur als Herausforderung gesehen werden. Und nicht zu wissen, was am Ende rauskommt, das ist einfach auch eine eine ganz große Spannung und bringt auch Innovation rein. Beispielsweise haben wir es bei studentischen Initiativen ja auch ganz häufig gesehen, dass auch auf einmal Themen und Fragestellungen hochkommen, an die man so als etablierter Lehrender vielleicht selber gar nicht kommt. Also es bringt einfach eine Vielfalt und und ganz viel Farbe in die in die Lehr-Landschaft. Voraussetzung dafür ist tatsächlich, und das muss man sich immer wieder erkämpfen und das muss man auch strukturell eben gewährleisten: Man braucht diese Freiheiten auch im Curriculum und in dem Modulhandbüchern und so weiter. Wenn die so unglaublich eng gestrickt sind, dass genau vorgegeben ist, was in einem Modulteil genau inhaltlich und an Kompetenzen zu vermitteln ist, und man hat dann eigentlich ein schönes Thema und würde das gerne mit dem Forschenden Lernen unterbringen, dann kriegt man es manchmal da nicht unter. Dann gehen wir immer in den Optionalbereich oder in Ergänzungsbereich im Master, weil wir es in dem eigentlichen Fachcurriculum womöglich aufgrund der Beschreibungen in den Modulhandbüchern etc. noch nicht richtig unterbringen. Hier müssen wir, glaube ich noch ein bisschen arbeiten an der einen oder anderen Stelle, um Formulierungen in diesen Texten zu finden, die uns diese Freiheiten ermöglichen, Unsicherheit in die Lehre mit reinzubringen. Und dann habe ich eine gute Grundlage für Forschung.

Prof. Dr. Kornelia Freitag (Beginn 02:41 Minuten): Das passt wunderbar, weil ich darauf hinweisen wollte, auch in Reaktion auf die Einlassung, wie schwer das teilweise immer noch ist, Fakultäten davon zu überzeugen, dass auch student initiated projects eine Möglichkeit haben sollten und dass man damit Credits verdienen kann. Es ist einfach so, dass sich die Fakultäten und die Lehrenden mehr darüber im Klaren sein müssen, dass sie selber die Modulbeschreibung geschrieben haben. Dass also niemand in Bologna sitzt, der gesagt hat, in der Fakultät für Philologie hat in der Anglistik das so und so zu sein, das haben wir selber gemacht. Ich würde sagen, dass – ich bin etwas später zum Bologna-Prozess, zu diesem System dazugestoßen – ich denke, der ist in Deutschland auch oft sehr schlecht umgesetzt worden. Ich sehe ihn in Frankreich, in Irland und so Modulbeschreibungen, die alle möglichen Dinge zulassen, die bei uns von der KMK verboten sind. Ich glaube, dass diese Orientierung, die jetzt aus Bologna kommt, student-centered teaching zu Machen, ja genau das ist, wo wir uns hier hin bewegen. Was aber in einem sehr stark strukturierten und klein gekochten und aber auch durch die Lehrverpflichtungsverordnung sehr stark geregelten System dann wahnsinnig schwer umzusetzen ist. Insofern denke ich wirklich, dass wir daran arbeiten müssen. Herr Wirth hat es eben schon gesagt, vielleicht ein bisschen mutiger zu sehen, welche Spielräume wir in diesem System auch haben, weil man auch Module bauen kann, die vielleicht etwas kühler formuliert sind und dann dementsprechend ausgefüllt werden müssen. Aber sie müssen dann eben ausgefüllt werden und wir wissen alle, dass man dasselbe wiederholt, weil es natürlich einfacher ist. Also es ist eine unheimlich hohe Verantwortung, die wir Lehrenden tragen, dieses System auszufüllen und für uns passend zu machen. Das geht in vielerlei Hinsicht. Aber es ist auch wirklich so, dass im Rektorat sehr, sehr klar ist, dass unsere Lehrenden auch unheimlich viel leisten, unheimlich viel Stunden machen müssen und das immer alles noch on top of everything else zu verlangen, eigentlich nur unverschämt ist und deswegen sind solche Projektmittel so wichtig, deswegen sind flexible Mittel auch so wichtig, und das versuchen wir auch mit Macht so zu erhalten. Und da hoffen wir auch, dass der Zukunftsvertrag Lehre uns auch wieder so eine wiggeling room gibt, um zu unterstützen. Aber das ist wirklich ein komplexes Gefüge. Aber ich glaube Bologna-Schellte, also da müssen wir uns teilweise auch an die eigene Nase fassen.