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Mehrsprachigkeit als Ressource für Lehren und Lernen

Woher auch immer die Sprachen stammen, die Studierende mit an die Universität bringen – ob es sich also um lebensweltliche Mehrsprachigkeit handelt, um in der Schule erworbene Fremdsprachen oder um die Herkunftssprachen internationaler Studierender – sie können an der Universität systematisch zur Ausbildung einer akademischen Mehrsprachigkeit genutzt werden.

Wenn Sie als Fachlehrende/r die Förderung von Mehrsprachigkeit in Ihre Lehre einbeziehen, können Sie gleichzeitig sowohl Studierende unterstützen, die sich in der Lehrsprache noch nicht sicher fühlen, als auch Internationalisierung@home betreiben, also in Ihrer Lehre Erfahrungen interkultureller Interaktion ohne Auslandsaufenthalt ermöglichen. Sie bereiten die ganze Seminargruppe auf die Kommunikation in der internationalisierten, mehrsprachigen Wissensgesellschaft vor und ermöglichen ihr, ihre Kompetenzen im Umgang mit verschiedenen Sprachen zur Wissensaneignung und Wissensproduktion auszubauen. Schon kleine Interventionen, die das Seminargeschehen nicht grundlegend verändern, können hier einen entscheidenden Unterschied machen.

Mehrsprachigkeit in der Lehre ganz unabhängig vom Fach und Lehrgegenstand einzusetzen, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, wenn Sie den Ansatz gewohnt sind, sich immer nur auf eine Sprache zu konzentrieren, gerade auch um fremdsprachliche Kompetenzen aufzubauen. Und es kann anfangs Unsicherheiten hervorrufen, zur Verwendung von Sprachen einzuladen, die Sie selbst nicht verstehen. Ich hoffe, die nachfolgenden Überlegungen können Sie überzeugen und ermutigen, hier in Ihrer Lehre kleine und große Experimente zu wagen. Viele der Gedanken und Vorschläge in diesem Artikel stammen aus meiner eigenen Lehr- und Beratungspraxis und aus meiner Suche nach Konzepten, die den Umgang mehrsprachig lebender Menschen mit verschiedenen Sprachen beim Lernen, Denken und Schreiben erklären können.

  • Im Studium ist in allen Fächern für das Lernen Sprache ganz grundlegend notwendig und ein tiefes Verstehen komplexer Zusammenhänge ist ohne zu sprechen, zu lesen und zu schreiben kaum möglich (zu den Fähigkeiten, die Schreiben fördert, vgl. den Überblick bei Lahm 2016: 31ff). Wenn sich Studierende in der Lehrsprache unsicher fühlen, besteht die Gefahr, dass sie auch in ihrem Lernen eingeschränkt sind. Es ist deshalb wichtig, sie zu ermutigen, neben der Lehrsprache alle Sprachen zu nutzen, in denen sie sich frei ausdrücken und ungehemmt nachdenken können. So können sie neue Informationen tiefer durchdringen und besser mit ihrem Vorwissen verknüpfen.
  • Bestimmte Wissens- und Erfahrungsbereiche können mit unterschiedlichen Sprachen verbunden sein. Wenn z. B. der B.A.-Studiengang auf Deutsch war, die Lehrsprache im M.A.-Studiengang aber Englisch ist (wie dies an der RUB z. B. für das Fach Chemie gilt), kann im Übergang von einer Studienphase zur anderen der Zugriff auf das bereits erworbene Wissen durch den Sprachwechsel erschwert werden. Ähnliches gilt für Studierenden, die z. B. ihren B.A.-Abschluss in einem anderen Land / einer anderen Sprache erworben haben und ihr M.A.-Studium an der RUB fortsetzen. Wenn die Studierenden dazu ermutigt werden, alle für sie relevanten Sprachen für ihre fachliche Auseinandersetzung zu nutzen, ermöglicht ihnen das, mehr Wissen einzubeziehen und das neu zu Erlernende mit bereits bestehenden Wissensstrukturen zu verbinden (vgl. z .B. Knorr/Andresen/Algös-Bakan/Tilmans 2015 zu Beispielen aus der Schreibberatung).
  • Mehrsprachig lebende Menschen sind es gewohnt, je nach Bedarf und Kommunikationssituation zwischen Sprachen zu wechseln, und entwickeln gerade dadurch ihr volles kognitives Potential (vgl. z. B. García 2009). Das sollte ihnen auch in Lehrveranstaltungen möglich sein, damit sie in ihrer fachlichen Entwicklung nicht eingeschränkt werden. Studierende, die sich als einsprachig wahrnehmen, können zudem durch das Beispiel mehrsprachigen Verhaltens ermutigt werden, auch Sprachen zu nutzen, in denen sie sich (noch) unsicher fühlen, um dadurch z. B. mehr Informationen zu erlangen und gleichzeitig ihre sprachlichen Kompetenzen weiter auszubauen.
  • Wenn in einer Seminargruppe Studierende mit unterschiedlichen Sprachen sind, kann dies schließlich genutzt werden, um mehr Material und mehr Wissen in die Veranstaltung zu holen, z. B. indem einzelne oder Kleingruppen Fachtexte oder Quellentexte in diesen Sprachen bearbeiten und die Inhalte den anderen zur Verfügung stellen. So wird die Lehre inhaltlich bereichert und der Nutzen von akademischer Mehrsprachigkeit für alle unmittelbar greifbar. Jede Sprache, die ein Mensch spricht und liest, eröffnet Möglichkeiten, um Informationen zu erlangen und neues Wissen zu produzieren – dies gilt es, produktiv in der Lehre zu nutzen.

Durch die Einbeziehung von Mehrsprachigkeit in die Lehre kann also die gleiche Teilhabe für alle erreicht werden, unabhängig davon, ob die Lehrsprache ihre dominierende Sprache ist und wie sicher sie sich in ihr bewegen.

Autor*in

  • Dr. Ulrike Lange, Mitarbeiterin im Schreibzentrum des Zentrums für Wissenschaftsdidaktik der Ruhr-Universität Bochum /// Kontakt: ulrike.lange_at_rub.de

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